Horizontalsäge

(Bericht und Fotos von Gerd HENNEN - GRENZ-ECHO vom 08.06.2005)

Die Säge trägt das Baujahr 1910, wurde vom Vater von Fritz Oestges als Gebrauchtanlage gekauft und im Jahre 1939 in Weweler aufgestellt.  Die Maschine der Gebrüder Wehrhahn aus dem deutschen Delmenhorst trägt die Typennummer 36.  „Wir haben immer mit Wasser gearbeitet, so dass diese neue Maschine für meinen Vater bereits eine technologische Revolution darstellte, konnte man doch sehr präzise Schnitte anbringen“, so Fritz Oestges.  

Späte "Berufung"

Der jetzige Betreiber kam im 1967 eigentlich recht spät zur beruflichen Sägerei.  Ursprünglich fungierte der als Vereinsmensch allerorts bekannte 73Jährige als Sozialassistent in den Kohlebergwerken im Norden Lüttichs. „Dort betreute ich vorwiegend die zahlreichen deutschsprachigen Minenarbeiter.  Als nun 1965 der Zechenbetrieb eingestellt wurde, erhielt ich zunächst einen Posten bei der lokalen Kinderzulagenkasse; doch bereits kurze Zeit später hätte ich in die Landeshauptstadt umsiedeln müssen, wozu meine Familie und ich aber nicht bereit waren.  So kam ich zu meinen Eltern nach Weweler zurück und fand im kleinen Sägereibetrieb meines Vaters eine neue berufliche Perspektive“, erinnert sich Fritz Oestges. Speziell für den Holzerlebnistag renovierte Fritz Oestges seine Horizontalsäge, um den zahlreichen Besuchern die schwere und langwierige Sägearbeit vergangener Generationen zu veranschaulichen.  Seit über zehn Jahren funktionierte die Anlage nicht mehr. Das größte Problem bei der Instandsetzung stellte die Beschaffung der unabdingbaren Flachriemen dar.  Heutzutage werden vornehmlich Keilriemen eingesetzt, die ihrerseits aber über 10% weniger Antriebsleistung verfügen.  So musste der Sägereibetreiber auf „Nylonriemen am Stück“ zurückgreifen, die allerdings äußerst teuer sind.  „Ich habe mir jetzt so viel Arbeit angetan, dass ich beabsichtige, die Säge als Museumsstück in Schuss zu halten.  Die Resonnanz der zahlreichen Besucher, die am Holzerlebnistag zu mir kamen und mich mit Fragen durchlöcherten beweist, dass sich die Menschen für diese Handwerkernostalgie interessieren“, meint der ehemalige VV-Präsident Fritz Oestges. 
(Bericht und Fotos von Gerd HENNEN - GRENZ-ECHO vom 08.06.2005)


 

Tourismusförderung

Der Sägemeister war jedenfalls vom Erfolg seiner zwanglosen Ausstellung begeistert.  Viele Fachleute aus der ganzen Region, aber auch aus dem benachbarten Deutschland, Luxemburg und Frankreich waren erschienen, um die Anlage unter die Lupe zu nehmen.  „Besonders habe ich mich allerdings über das Interesse der hiesigen Bevölkerung gefreut.  Das Durchschnittsalter der Besucher reichte von drei bis neunzig Jahre, wobei ein 5Jähriger Technikfreak nicht locker ließ und mich über das kleinste Detail befragte“.  "Fritz Oestges bewertet die Holzerlebnistage jedenfalls als gelungene Aktion - "auch im Dienste der Tourismusförderung".

Meist zu wenig Wasser

Der Betrieb der historischen Horizontalsäge in Weweler ist nicht ganz einfach und heute im Grunde technisch total überlebt. Wichtigste Antriebsquelle ist das Wasser. »Beim Öffnen der Schleuse wird die Turbine in Gang gesetzt, die über verschiedene Übersetzungen die notwendige Umdrehung garantiert, durch die das eigentliche Sägeblatt in Betrieb gesetzt wird«, erläutert Fritz Oestges. Bei genügend Wasser, das der Betreiber aus der nahen Our abzweigt, erreicht die Turbine eine Nennleistung von bis zu 20 PS.

»Ich kann die Säge nach meinen Wünschen und Vorgaben frei regulieren. Bei geringem Wasserfluss säge ich langsamer und präziser, während bei voller Leistung die Holzspäne fliegen.«

Nur selten volle Kraft

Leider stellen die unregelmäßigen Wasserstände als »Energiequelle« für das Sägen mit Wasserkraft eine erhebliche Schwierigkeit und unbekannte Komponente dar. In diesem Jahr hätte Fritz Oestges beispielsweise bisher lediglich während drei Wochen mit voller Kraft sägen können. Mittels Flachriemen wird die Kraft der Turbine über Zahnräder direkt auf die in einer Holzführung eingebetteten Säge übertragen.

Mit dieser Methode kann Fritz Oestges Bäume mit einem Durchmesser von über einem Meter be- und verarbeiten. Das Sägeblatt seinerseits ist mit einer Gruppenzahnung versehen, so dass ein Verstopfen des Schnittes kaum möglich ist. Fritz Oestges kann sich noch recht gut an die Anfangsjahre in Weweler erinnern, in denen zwei Arbeiter beim Sägen alle Hände voll zu tun hatten.

Jüdische Industrielle

»Beim Rückblick kommen immer auch wieder schöne Geschichten und lustige Begebenheiten als Erinnerung zurück, meinte Fritz Oestges.
So traf der Sägemeister vor einigen Jahren Nachfahren der Herstellerfirma Wehrhahn aus Delmenhorst bei Dortmund und erfuhr dadurch auch die bewegte Geschichte dieser Industriellenfamilie.

»Die Liegenschaften der Wehrhahn, alle alteingesessene jüdische Industrielle, wurden im Jahre 1937 von Hitler und seinen Nazischergen beschlagnahmt. In der Fabrik wurden fortan Panzer für die Aufrüstung Deutschlands gebaut. Einzelne Familienmitglieder überlebten den Holocaust; so war die Ehefrau des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer eine geborene Wehrhahn«, weiß etwa Fritz Oestges.